
Wieder grau draußen, wieder Regen. Wetter wie in London. Apropos London, da war ich gerade und habe mich auf der Suche nach etwas Sonne in Museen geflüchtet. Und ich wurde fündig: “Pop Life – Art in a Material World” heißt eine Ausstellung, die zurzeit in der Londoner Tate Modern gezeigt wird. Mediales Aufsehen erregte die Show, als kurz nach Beginn ein Werk von Richard Prince wieder entfernt wurde, das ein Foto der nackten 10-jährigen Brooke Shields verwendete. Aber auch darüber hinaus gibt es einige Räume, die Minderjährige nicht betreten dürfen: Ein Raum mit den expliziten Werken, die Jeff Koons mit seiner damaligen Gattin Cicciolina in eindeutigen Posen zeigt, ein Video von Andrea Fraser beim gekauften Liebesakt mit einem Sammler und der Raum mit Cosey Fanni Tutti’s Aktionen zum Thema Prostitution. “Skandalkunst” also im “Zwei-Räume-Takt”. Doch der Skandal ist nicht der Schlüssel zum Erfolg der Ausstellung; es ist vielmehr der Reiz der Reise in einen Bereich der zeitgenössischen Kunst-Produktion, als Künstler noch Pop-Stars und Kunst bunt und grell war. Ausgehend von Andy Warhol (mit sehr starken Werken!) beginnt der Besucher eine Reise, die ihn von den Siebzigern bis in die Gegenwart führt und die den Aspekt der Kunst akzentuiert, die sich mit dem realen, von Medien und Starkult beeinflussten Alltag in der kapitalistischen Welt beschäftigt. “Art in a Material World” eben. Nach Warhol als Übervater der Bewegung widmen sich die Kuratoren den amerikanischen Jung-Stars der Achtziger:

Neben Koons und Prince wird noch Keith Haring mit einem eigenen Raum gefeiert. Über Martin Kippenberger geht es weiter in die Neunziger der Young British Artists (Tracey Emin) bis in die Gegenwart. Damien Hirst ist mit einer Reihe neuer Werke vertreten, die im wahrsten Sinne schlichtweg brillant sind. Die drei letzten Räume sind Piotr Uklanski, Maurizio Cattelan und Takashi Murakami gewidmet. Uklanskis Installation von Gemälden mit den Darstellern von Nazi-Offizieren in Hollywood-Filmen kannte ich noch nicht und Murakamis Raum ist ein einziger Japan-Comic-Overkill. Ein super-poppiges (in Kollaboration mit McG inszeniertes) Video “Akihabara Majokko Princess” mit Hollywood-Star Kirsten Dunst als blauhaarigem Japan-Mädchen ist der knall bunte Abschluss einer Ausstellung, die so richtig Spaß macht und den Besucher ein doppeltes, nämlich sowohl intellektuelles als auch sinnliches Vergnügen beschert. (Noch bis 17. Januar 2010 in der Tate Modern, London, von 12. Februar bis 09. Mai 2010 in der Hamburger Kunsthalle – da wird Hubertus Gaßner seinen Spaß haben!)

Wenn man beim Blick aus dem Fenster fallende gelbe Blätter im Dauerregen sieht, weiß man, dass es Herbst ist. Gute Laune will sich nicht so recht einstellen, und eigentlich ist man doch die meiste Zeit müde und will schlafen. Sinnvollerweise macht man dann so was wie guten Tee trinken und Musik hören. Dabei weißt sich das Projekt “God Help The Girl” für mich als sehr hilfreich im Kampf gegen aufkeimende Herbst-Melancholie. Irgendwie soll das so eine Art Soundtrack für einen Film sein, der irgendwann in naher Zukunft gedreht werden soll. “Belle and Sebastian”-Mastermind Stuart Murdoch hat dazu die Songs geschrieben und lässt sie – wenn er nicht selbst singt – von betörend schönen weiblichen Stimmen interpretieren.
Das Ganze ist eine Mischung aus Easylistening, Soul, Jazz, Pop, die Songs werden mal von Streichern, mal nur von einer einzelnen Akustik-Gitarre begleitet und entfalten einen wundervoll nostalgischen Zauber. Wem da das Herz nicht aufgeht, der hat keines mehr! Egal, ob es sich um ruhige kleine Preziosen handelt wie mein absoluter Favorit “Stills” von der gleichnamigen EP oder dem großartig bombastischen “Musician, Please Take Heed” – der Herbst-Blues wird einfach weggeblasen und ein sanftes Lächeln schleicht sich in das Gesicht des aus dem Fenster blickenden Herbstbetrachters. Video: http://www.youtube.com/watch?v=XxmrKav8gUM
Erinnert sich noch jemand an The Von Bondies? Oder anders gefragt: Kennt die überhaupt jemand? Kleine Gedächtnishilfe für Indie-Maniacs: 2004 hatte die Band einen kleinen Hit mit “C’mon C’Mon”, einem kurzen, rasend schnellen dreckigen Song, der eruptiv wie der Ausbruch eines Vulkans in die Gehörgänge schießt. Einer der besten Rocksongs dieses Jahrtausends. Mindestens. Ansonsten war mir von der Band nur bekannt, dass sich der Sänger eine Schlägerei mit dem Fußball-Hymnen-Komponist Jack White (“Seven Nation Army”) geliefert hatte und daraufhin ins Krankenhaus kam.
Jetzt aber habe ich ein neues Album von ihnen entdeckt: “Love, Hate and Then There’s You”, das im Februar in den USA veröffentlicht wurde. 12 brilliante, meist schnelle, hymnische Songs, die einem das Herz aufgehen lassen! Seit den guten alten Tagen der frühen 90er mit den “Lemonheads” und ähnlicher Garage-Bands ist mir keine vergleichbar intensive Musik aus den USA mehr zu Ohren gekommen. Einge Momente erinnern an die Pixies, manchmal gehen Melodielinien Richtung Sonic Youth – es gibt schlechtere Reminiszenzen! Wunderbare, dreckige Gitarren, atemberaubende Bassläufe, scheppernde Drums, die großartige Stimme des Sängers Jason Stollsteimer und ab und zu etwas “Doo-Wop” von reizenden Frauenstimmen im Hintergrund. Ach, wie schön kann das Leben sein, soviel Energie im ipod am Morgen – und der Tag ist dein Freund! Video: http://www.youtube.com/watch?v=wZXuG3zQmbI
Auch bei ihren neuen Arbeiten, die Karen Linnenkohl zur Zeit in der Galerie Scotty Enterprises in Berlin-Kreuzberg zeigt, geht es um die Umkehrung von realen Größenverhältnissen. Wie schon zuvor in bei den Fotoserien „Anflug“ und „Heidiland“ sowie der Installation „Parasiten“ lässt sie den Betrachter in ein surreal anmutendes Ambiente eintauchen. Die Fotoarbeiten zeigen Menschen, die scheinbar friedlich durch die Natur streifen. Doch der genaue Blick zeigt, dass die ganz durchschnittliche Landschaft überdimensional vergrößert ist (oder die einmontierten Personen überdimensional verkleinert). Was aussieht wie ein Streifzug durch die Natur, wird durch die Umkehrung der Größenverhältnisse zu einem kleinen Horrortrip: Baumstämme, Grashalme, Äste, Steine wachsen zu einem Dschungel, der Mensch schrumpft zum Liliputaner, der mühevoll über abgebrochene Zweiglein klettern muss; ein Rinnsal wird mithilfe eines Blattes überwunden und ein Kind steht – etwas fassungslos – inmitten von Moos- und Flechtengebirgen.
Oder täuscht mich meine Wahrnehmung? Die Szenen sind hell und klar mit freundlichem Licht komponiert. Apokalypse müsste eigentlich viel düsterer inszeniert sein. Ist es vielleicht nur eine Liebeserklärung an die uns selbst im mickrigsten Vorgarten begleitende Natur, die wir kaum wahrnehmen und deren Größe uns in unserer täglichen Wahrnehmung selten bewusst wird? Dafür spräche, dass Karen Linnenkohl zu den Fotomontagen die Natur direkt in die Galerie geholt hat: Erde, Laub, Zweige, Blätter, Muscheln – der Besucher ist aufgefordert, mit ihr zu spielen, sich ihr zu widmen. (Noch bis 7. Juli in der Galerie Scotty Enterprises, Oranienstr. 46, Berlin Kreuzberg)

Karen Linnenkohl: “Balance4″ Fotomontage 2007
Nein, diese documenta ist nicht besonders gelungen. Sie ist die uninteressanteste seit 1987. Besonders das erhoffte Highlight, der Pavillon in der Aue wirkt ziemlich lieblos. Hier zeigt sich, dass die „Macher“ der Ausstellung im Lauf ihrer jahrelangen Vorbereitungen irgendwann wohl ziemlich planlos geworden sind. Das es besser geht, zeigt sich an anderen Orten, wie etwa der sehr gut bespielten Neue Galerie. Allein sie hat ein komplettes Scheitern verhindert. Der im Vorfeld als Vermittlungs-Prinzip der 12. documenta beschworene Dialog zwischen Kunstwerken und Betrachtern kommt selten in Gang (Schloss Wilhelmshöhe) und einige Künstler hätte man lieber nicht ausstellen sollen (Juan Davila, ein ungeheuer prätentiöser Langweiler!). Dafür fehlen wichtige zeitgenössische Künstler, die nicht nur den Betrieb, sondern Ästhetik und Inhalt der zeitgenössischen Kunst prägen.
So lautet das vorläufige Fazit nach dem ersten Rundgang durch die Kasseler Ausstellung.
Doch der Reihe nach: Erste Station war die Neue Galerie. Hier ist es den Ausstellungsmachern gelungen, den Zauber vergangener documenta-Ausstellungen zu wiederholen. Viele starke Kabinette, einige großartige Inszenierungen, eine überraschende Dramaturgie und (fast) durchweg hochqualitative Werke (Zoe Leonhard, Eleanor Antin, James Coleman) lassen den Betrachter jubeln. Ja, hier entfaltet die Ausstellung den Reiz, den man sich im Vorfeld erhofft hatte, hier hat sie die Qualität der beiden letzten documenta-Ausstellungen.
Zweite Station, starke Ernüchterung: Der neue, temporäre Pavillon in der Aue ist weitläufig und bietet die große Chance, die Kunstwerke großzügig zu präsentieren und in einen freien Dialog treten zu lassen. Doch die Inszenierung ist seltsam lieblos, willkürlich, so als hätte man den an ein großes Gewächshaus erinnernden Bau irgendwie voll stopfen müssen mit manchmal besseren, meist aber furchtbar belanglosen Werken. Ganz klar gibt es auch hier einige spannende Momente, aber in der Masse herrscht ein abstruses Chaos.
Die documenta- Halle ist als Ausstellungsort kaum bespielbar. Die Macher waren sich dessen bewusst und haben es immerhin geschafft, durch durchweg großformatige Werke einen sakralen Raum mittlerer Qualität entstehen zu lassen. Hier sind mit der Giraffe von Peter Friedel und den Stofftieren Cosima von Bonins wohl die diesjährigen „Ikonen“ der Ausstellung recht effektvoll inszeniert.
Im Museum Fridericianum wechseln Licht und Schatten. Richtig gutes (z. B. Iole de Freitas) wird von ödem Durchschnitt in den Hintergrund gedrängt und hinterlässt die Botschaft: das Hauptgebäude der documenta-Geschichte war den Machern irgendwie nicht so richtig wichtig.

Lidwien van den Ven: “Paris, 26/12/2006″
Im Schloss Wilhelmshöhe gibt es wenig zu sehen, dafür funktioniert hier aber der Ansatz, Kunst verschiedener Epochen miteinander kommunizieren zu lassen. Das ist eine positive Überraschung, und da sich der lange Weg in den Bergpark aber jederzeit lohnt und man die vorzügliche ständige Sammlung alter Meister sonst manchmal bei Besuchen in Kassel vergisst, ist den Verantwortlichen der diesjährigen Weltkunst-Ausstellung ausdrücklich zu danken.
Die Außenarbeiten lassen sich noch nicht abschließend beurteilen. Vor allem das Mohnfeld und die Reisterrassen sind noch im Werden begriffen.
Vielleicht relativiert sich mein Eindruck bei weiteren Besuchen, die Erfahrung lehrt dies. Aber: der erste Eindruck ist oftmals der Entscheidende – und deshalb gibt es die Note: gerade noch befriedigend.
…ist das, was zurzeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen ist. Das große Mega-Event des Berliner Kultursommers 2007 (mindestens 150 Milliarden Besucher!), DIE Franzosen aus dem New Yorker Metropolitan Museum (für Insider: “Met”), wirkt merkwürdig fahl. Nun möchte man als Kunstwerk von Weltrang sowieso nicht in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt werden, aber so blass und gelbstichig habe ich Gemälde dort noch nie erlebt. Lag es an meinen Augen oder am Wetter? Egal, das geneigte Publikum hätte auch eine Ausstellung mit Kunstdrucken akzeptiert, Hauptsache man war dabei. Und schön ist es doch schon, wenn man bekannte Namen liest (”Ah Monet – toll”) oder Urlaubserinnerungen auffrischen kann (”Du Herbert, ist das nicht die Moschee in Granada, die wir letzten Herbst angeguckt ham?”).
Doch ich hatte die Bilder in Posterform als Gymnasiastinnen-Tapeten meiner Klassenkameradinnen irgendwie frischer und heller in Erinnerung. Gut, dass es da den Show-Shop gibt, sowieso der wichtigste Ort der Ausstellung: hier kann man frische Poster der Werke kaufen und sie Zuhause dort hinhängen, wohin wenigstens ab und zu ein Sonnenstrahl fällt…
“Die schönsten Franzosen kommen aus New York”?
Es geht bei dem Event nicht so sehr um die Bilder und Skulpturen. Es sind zwar sehr viele, aber nur ein kleinerer Teil ist erstklassig. In europäischen Sammlungen hängen oftmals genauso starke oder gar qualitätvollere Werke, und zwar durchaus in großer Anzahl. Allein die Impressionisten in der Alten Nationalgalerie, dies zeigt die Parallelausstellung, sind vorzüglich und hätten viele der zweit- und drittrangigen Bilder in der Neuen Nationalgalerie exzellent ersetzt. Stattdessen ist das Prinzip der Masse, des “Name-Dropping” (Cezanne! Manet! Renoir! Van Gogh!), das eigentliche Prinzip der Ausstellung auf dem Kulturforum. Mit Erfolg: schon nach wenigen Wochen erwartet man den 100.000sten Besucher. Das muss ja nicht schlecht sein, aber: dann sollte man die ganze Angelegenheit nicht als “Kunstausstellung” verkaufen, sondern so ehrlich sein, von einer “Show” zu sprechen und das ganze pseudo-kunsthistorische Gequatsche doch lieber lassen. Es geht darum, das “Met” zu branden, wirtschaftlichen Erfolg zu haben und Touristen nach New York zu locken. That’s it.